Schüler*innen brauchen Zukunft!

Die Klimakrise und das Diensteid-Dilemma der Lehrer*innen

Unsere Lehrer*innen unterrichten nicht nur Schulfächer. Mit ihrem Diensteid haben sie sich auch dazu verpflichtet, ihren Schüler*innen die Werte unseres Grundgesetzes zu vermitteln.

Indes missachtet die Politik den Grundgesetz-Artikel 20a: "Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen". Dieser ist gerade aus der Sicht der Kinder und Jugendlichen essenziell.

Lehrkräfte sollen also Werte vermitteln, deren politische Umsetzung nicht erkennbar ist. Und das, obwohl ein breiter wissenschaftlicher Konsens die bislang getroffenen klimapolitischen Maßnahmen als absolut ungenügend einstuft.

Egal ob Du Lehrer*in bist oder nicht - unterstütze unseren Offenen Brief mit deiner Unterschrift!

Offener Brief an alle staatlichen Bildungseinrichtungen und politischen Entscheidungsträger*innen

Sehr geehrte Damen und Herren,

unsere Lehrer*innen verpflichten sich zu Beginn ihrer Laufbahn, ihren Dienst gewissenhaft zu tun. Sie geloben auch, sich im Rahmen ihrer Tätigkeit für den Schutz der im Grundgesetz verankerten Werte einzusetzen. Aus diesem Eid bzw. dieser vertraglichen Verpflichtung entspringt jedoch angesichts von klimapolitischen Entscheidungen auf Landes- und Bundesebene für Lehrer*innen ein echtes Dilemma.

Eine - gerade aus Sicht der heutigen Jugendlichen und der nächsten Generationen - elementare Bestimmung des Grundgesetzes ist der Artikel 20a. Hier heißt es: "Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen". Welche Antwort sollen Lehrer*innen ihren Schüler*innen auf die Frage geben, warum Gesetze beschlossen werden, die ganz offensichtlich gegen Artikel 20a verstoßen? Gesetze, die dazu beitragen, den CO2-Gehalt in der Atmosphäre weiter zu erhöhen? Allein die Beibehaltung der Kohleverstromung bis 2038 oder das Klimapaket der Bundesregierung wird von der Wissenschaft als "absolut ungenügend"1 eingestuft.

Es waren Schüler*innen, die mit der Fridays for Future Bewegung im Jahr 2019 die Überzeugung in die Breite getragen haben, dass Klimagerechtigkeit und Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen zum politischen Kerngeschäft gehören. Ihr Appell, die Politik möge sich an bereits eingegangene Verpflichtungen halten, ist im besten Sinne konservativ und alles andere als rebellisch. Doch schon heute ist klar: Die derzeitigen Maßnahmen reichen bei weitem nicht aus, um das völkerrechtlich verbindliche Pariser Klimaziel zu erreichen und die Erwärmung auf einigermaßen sichere 1,5 Grad mit einer akzeptablen Wahrscheinlichkeit zu begrenzen2.

Das Dilemma der Lehrer*innen wird noch größer angesichts der Tatsache, dass viele Geflüchtete bereits heute Klimaflüchtlinge sind. Bis zum Jahr 2050 werden mehrere 100 Millionen Menschen aufgrund katastrophaler Klimabedingungen ihre Heimat verlassen müssen3. Was soll ein*e Lehrer*in antworten, wenn er*sie im Unterricht gefragt wird, warum unsere Regierung sehenden Auges diese humanitäre Katastrophe in Kauf nimmt?

Und was soll ein*e Lehrer*in antworten, der*die gefragt wird, warum die Bundesregierung zulässt, dass deutsche Firmen weltweit die CO2-Emissionen in die Höhe treiben und dabei ökologische und soziale Standards unterlaufen?

Die Lehrer*innen in unserem Land sollten unseren Kindern und Jugendlichen erklären können, dass ihr Staat alles dafür tut, die Ziele des Grundgesetzes nicht aus den Augen zu verlieren. Dass er, so wie wir das im Kontext von Corona erleben, auch in der erheblich tiefer greifenden Klimakrise, alles daran setzt, eine lebenswerte Zukunft gemäß der nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen zu gestalten4.

Im Moment können sie das nicht: Ohne entschlossenes Handeln in der Klimakrise fehlt unseren Schüler*innen jede Hoffnung, dass sie eine Zukunft erleben werden, auf die sie laut Grundgesetz ein Recht haben.

Wie sollen unsere Lehrer*innen ihren Schüler*innen dieses Dilemma erklären?

Wir brauchen eine Klimapolitik, die unseren Schüler*innen eine sichere Zukunftsperspektive bietet und den Bildungsanstrengungen der Schulen wieder Sinn verleiht.

Mit freundlichen Grüßen,

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Nora Oehmichen

Initiatorin

Gymnasium
Baden Württemberg
Ethik, Französisch, Geschichte

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Clemens Pasch

Gymnasium
Baden Württemberg
Kunst, Physik

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Danielle Schulte am Hülse

Gymnasium
Nordrhein-Westfalen
Kunst, Geschichte

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Harald Thielen-Redlich

Gymnasium
Rheinland-Pfalz
Chemie, Biologie

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Jana Wolff

Berufsschule
Mecklenburg-Vorpommern
Naturwissenschaft, Englisch, Sport

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Patrick Brehm

Berufskolleg für Wirtschaft und Verwaltung
Nordrhein-Westfalen
Wirtschaftswissenschaften, Englisch

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Lea Fiestelmann

Gymnasium
Nordrhein-Westfalen
Deutsch, Sozialwissenschaften

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Florian Kirchesch

Gesamtschule
Brandenburg
Englisch, Musik

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Inga Feuser

Gymnasium
Nordrhein-Westfalen
Deutsch, Geschichte, Evangelische Religion

und 1383 Online-Unterzeichner*innen, einschließlich 426 Lehrer*innen!

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Du musst mindestens 16 Jahre alt sein.